Gross war das Erstaunen – in der Schweiz wie in Deutschland –, als 2014 bekannt wurde, dass Cornelius Gurlitt sein Erbe dem Kunstmuseum Bern vermacht hatte. Zum Nachlass Gurlitts, dem Sohn des Nazi-Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt, gehören nicht nur rund 1500 Kunstwerke, Immobilien und Bargeld, sondern auch tausende Dokumente, die in einer Münchner Wohnung und Gurlitts Salzburger Haus sichergestellt wurden. Darunter sind viele sorgsam aufbewahrte Geschäftsunterlagen aus Jahrzehnten, die eine Menge erzählen. 

 Der Fehler der Behörden war es, einen Grossteil der Sammlung Gurlitt pauschal unter Raubkunstverdacht zu stellen. Bloss bei rund einem Dutzend Kunstwerke besteht ein konkreter Verdacht, dass sie geraubt oder unter Druck verkauft worden waren. Bei einem beträchtlichen Teil der Bilder jedoch wird sich die genaue Herkunft nie klären lassen.

 

Gurlitts Vermächtnis ist die Konsequenz eines Beziehungsnetzes und historischer Kontinuitäten, die bisher kaum ausgeleuchtet worden sind. Nicht nur der Berner Kunsthändler Eberhard W. Kornfeld, auch sein Vorgänger August Klipstein pflegte enge Geschäftskontakte zu den Gurlitts. Die Beziehungen der Familie zur Schweiz, zu Bern vor allem, waren enger, als bisher bekannt. 

 

Die Publikation «Der Gurlitt-Komplex. Bern und die Raubkunst» wirft ein Licht auf die Mechanismen von Netzwerken, auf die zwiespältige Rolle von Kunstsammlern, Kunsthändlern, Museumsverantwortlichen, Medien, Anwälten, Beratern und selbst ernannten Interessenvertretern. Und sie wirft ein Licht auf Themen im Spannungsfeld von Recht und Moral, die bis heute aktuell sind: der Zweite Weltkrieg und der Umgang mit Raubgut, Fluchtkunst und als «entartet» diffamierte Kunst. Die Spuren von Verfolgung, Verfemung und Verdrängung führen auch nach Bern.

Der Gurlitt-Komplex. Bern und die Raubkunst.

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